Täter-Opfer Umkehr und der NSU. Ismail Yozgat und die Lokalzeitung HNA

Kurz vor dem Gedenktag an die Ermordung Halit Yozgats am 06.04.2014 erschien in der lokalen Hessisch-Niedersächsisch-Allgemeinen (HNA) ein Artikel, der die Forderung von Ismail Yozgat zum Thema hatte, die Holländische Straße in Halitstraße umzubenennen. Der Artikel ist hier nachzulesen.

Wir waren einigermaßen konsterniert und halten es für einen Standard wissenschaftlicher Forschung zu Rassismus, in diesem Artikel eine mehr oder weniger perfide Täter-Opfer-Umkehr zu sehen. Ismail Yozgat wird – vielleicht auch unbewusst – die Schuld an Rassismus gegeben. Der übliche Online-Kommentar-Mob zeigt, wessen Geistes Kind sich hier primär angesprochen fühlt und validiert unsere Einschätzung.

Im Nachhinein erfuhren wir, dass einige Personen über diesen Artikel Beschwerde beim Presserat eingelegt haben. Für uns wird hier ebenfalls ganz klar Ziffer 12 des Pressekodex verletzt – denn wie soll eine Einzelperson Schuld an rassistischem Wahn haben können. Ismail Yozgat wird aufgrund seiner Herkunft diskriminiert und darf nicht sprechen – genau das ist Rassismus. Dachten wir. Der Presserat hat die Beschwerde einstimmig abgelehnt. Damit wirft er ein trauriges Licht auf eine Medienlandschaft, die eben noch zerknirscht die Verwendung der hetzenden Wortkreation „Dönermorde“ bedauerte.

Für die Informationen rund um diese Beschwerde und ihre Resonanz danken wir der Gruppe PATATES ATAK!, die uns informiert hat. Wir dokumentieren hier einen satirischen Beitrag der Gruppe, der anlässlich der Straßenumbenennung heute verteilt wurde.

————- G A S T B E I T R A G ——————

(Dikkat! Dikkat! – Gerceğe dayanan mizah! Kommentarkommentierung by PATATES ATAK!)

Umbenennung: Holländische Straße – Halitstraße?!

Danke HNA!
Danke Ulrike Pflüger-Scherb (HNA)!
Danke Presserat !
Böser, böser İsmail Yozgat!

Es stand als Kommentar einer Redakteurin geschrieben im lokalen Höchstqualitätsmedium HNA[1]. Ein paar Miesepeter oder -petras beschwerten sich darüber beim Presseselbstgericht Presserat [2]. Dort wurde der Artikel gewogen und einstimmig für Recht erkannt. Das Urteil liegt uns vor!

Die Autorin Ulrike Pflüger-Scherb (wir wollen sie fürderhin PS-Ulrike nennen – was für eine Power!), hat alle entscheidenden Faktoren gewissentlich aufgezählt, und nach längerem Überlegen einwandfrei moralisch-ethisch, vielleicht sogar ein wenig Deutsch, abgewogen. Wer wird da meckern?

PS-Ulrike hat in ihrem Kommentar unumstößlich und rechtschaffen eruiert:

Was „schlimmer“ ist.

Sie hat herausgefunden:

Was die Ursache von Rassismus ist.

Kernsatz und unumstößliches Dogma ihrs Artikels ist:

„Schlimmer ist, dass sie [die Forderung Ismail Yozgats nach Straßenumbenennung] die Position von jenen stärkt, die meinen, dass sich Ausländer hierzulande ohnehin zu viel rausnehmen.“

Es ist PS-Ulrike zu danken, und gar nicht hoch genug, dass sie endlich kraftvoll die Wahrheit ausgesprochen hat. Das bleierne Tabu ist gebannt!

Die Wurzel alles Bösen ist die Forderung von Ismail Yozgat die Holländische Straße in Halitstraße umzubenennen. Die Wurzel alles Bösen ist – anerkennend denkt es sich uns: „Brilliant PS-Ulrike!“ – diese „unrealistische“ Forderung. Jawoll.

Na gut. Und PS-Ulrike räumt es ein. Es sind „tragische Umstände“, „seinen Sohn in einer Blutlache“ zu finden. Für Eltern mag es „keine schlimmere Vorstellung“ geben. PS-Ulrike ist höchstempathisch! Aber! Und PS-Ulrike spricht es aus: Das ist kein Grund für „unrealistische Forderungen“!

Und sie folgert weiter stringent: Es ist Ismail Yozgat, der – als Universaltürke und Vorsitzender Hauptverantwortlicher für alle Türken weltweit – „die Position von jenen stärkt“, die Ausländer hassen. Schließlich denken jene ja eher exemplarisch und pars pro toto – da spricht PS-Ulrike nur eine faire Warnung aus. Und so ist das Handeln von Ismail Yozgat einfach „schlimmer“. Die Ausländer sind es, die Schuld am Wahn der Rassisten sind. So einfach ist es doch.

Wir verstehen ja auch nicht – und fühlen uns hier mit PS-Ulrike in inniger Gemeinschaft – wieso Jürgen Möllemann und Martin Hohmann ihren Kopf verlieren mussten. Ariel Sharon und Michel Friedmann sind eben Schuld am Wahn der Antisemiten, PS-Ulrike rechnet uns das blendent vor. Und sind die Juden nicht doch auch ein bißchen „Tätervolk“, so wie Martin Hohmann sagte, wenn man mal mit PS-Ulrike ordentlich ab- äh aufrechnet?

PS-Ulrike hat es verstanden. Sie ist auf dem rechten Weg. Und das nicht erst seit gestern. Ihr Chefredakteur nimmt sie gegen böswillige Denunziationen beim Presseselbstgericht Presserat in Schutz: Was lange währt – denn schließlich betreue PS-Ulrike „das Thema seit Jahren in der Redaktion“ und hat „Diskussionen […] im Detail verfolgt.“ Sie allein kann „gut beurteilen“, dass „Yozgats Beharrlichkeit“ eben die zentrale Ursache von Rassismus in Kassel ist. Mutig spricht sie es aus: Der Vater des von der Thüringer (über 250km weit weg!!!) Mörderbande NSU erschossenen Halit Yozgat ist doch irgendwie, ja, auch ein bißchen Täter. Danke Ulrike!

PS: Danke Presserat ! Du sollst nicht zu kurz kommen, der du die impertinente Beschwerde, dass da jemand in PS-Ulrikes aufklärerischem Kommentar nach deinen Vereinsstatuten Artikel 12 „wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert“ werde, einstimmig für unbegründet hältst. Danke, du Hort der Aufklärung!

Was wir dann aber nicht ganz verstanden haben, Presserat: Warum hältst Du PS-Ulrikes oben zitierte Formulierung, den heiligen Kernsatz, für „schlicht unglücklich gewählt“? Ihr Satz ist doch die Wahrheit, nichts als die Wahrheit, und nichts als das Ergebnis hochmoralischer und jahrelanger gewissenhafter Aufrechnungen!! Oder etwa jetzt doch nicht?!

Danke PS-Ulrike. Was für eine Power!

Das „Grundrecht der Meinungsfreiheit“ (Presserat) ist ein hohes Gut!

Kassel ist schön!

Dass die Kasseler Waschbärstaupe den Kasselern das Hirn verschlägt, muss verhindert werden!

PATATES ATAK!

PATATES ATAK! c/o Initiative 6. April c/o Kulturzentrum Schlachthof e.V.; Kemal-Altun-Platz 1; 34127 Kassel

[1] „Kommentar zum Wunsch von Ismail Yozgat“ (U. Pflüger-Scherb am 22.03.2014 in der HNA; siehe Online-Archiv). HNA steht für Hessisch-Niedersächsische-Allgemeine.

[2] Der Presserat ist ein amüsanter Versuch der freiwilligen Selbstkontrolle im Medienbereich. Jeder kann dort Beschwerde nach einem Ethikkodex einreichen (www.Presserat.de).

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