Der Gedenktag für Halit Yozgat am 06.04.2014 – „So viele waren nicht immer hier.“

Das Zitat im Titel dieser Dokumentation stammt aus dem Redebeitrag von Barbara John, der Beauftragten der Bundesregierung für die Opferfamilien der NSU-Mordserie. Sie zitiert damit Ayşe Yozgat, die sich ihr gegenüber beeindruckt zeigte von der Menschenmenge, die sich zum 8. Jahrestag der Ermordung von Halit Yozgat am 6.4.2014 am Halitplatz in Kassel versammelt hatte. Nachdem erst Ende 2011 das rechtsterroristische Netzwerk aufgeflogen war – was für Angehörige der NSU-Opfer und weitere Geschädigte teilweise über 10 Jahre krasseste Fehlermittlungen mit massivem Druck und Unterstellungen bedeutete – hat die Stadt Kassel im Jahr 2012 eine Stele mit Gedenktafel zur Erinnerung an die Opfer gewidmet. Der bis dato namenlose Platz vor dem Hauptfriedhof wurde in Halitplatz umbenannt und die davorliegende Straßenbahnhaltestelle um diesen Namen ergänzt. Mit der Eröffnung des Platzes fand am 6.4. diesen Jahres die dritte Gedenkfeier für Halit Yozgat statt. In der folgenden Nacht wurde die Stele mit der Gedenkplatte mit einer Teerflüssigkeit übergossen.
Der Beitrag dokumentiert vor allem die Redebeiträge der Gedenkveranstaltung.

 

Die Redebeiträge des Gedenktages

Am 6.4.2014 waren etwa 450 Menschen zum Gedenken am Halitplatz gekommen. Eine weitaus größere Zahl als im Vorjahr. Die Redebeiträge zeichneten sich durch eine kritischere Note aus, die im Vorjahr so deutlich nicht zu hören war. Dieses Jahr bildete wiederum die Rede von İsmail Yozgat mit anschließendem muslimischen Trauergebet und -gesang den Abschluss. Zuvor gab es Redebeiträge durch die Kasseler Vorsteherin der Stadtverordnetenversammlung, Petra Friedrich, die Beauftragte der Bundesregierung für die Opferfamilien, Barbara John, wiederum Generalkonsul Ufuk Ekici, den damaligen Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, und als Vertreter unserer Initiative 6. April, Hakan Yılmaz. Der Referent des Kasseler OB, Reinhold Weist, führte durch die Veranstaltung.

 

Petra Friedrich bekundete im Namen des Oberbürgermeisters und der gesamten Stadt der Familie ihr Beileid. Sie bilanzierte den Verlauf der Kasseler Diskussion über den Mord bis hin zur Umbenennung des Platzes als deutliches Zeichen der Solidarität.
Barbara John betonte in ihrem Beitrag, wie wichtig es sei an diesem Tag mit der Familie Yozgat zusammen zu sein. Kassel sei ein außerordentliches Beispiel. Sie sagte: „Wir sind diejenigen, die in die Republik ein Zeichen senden, wie Zusammenleben aussehen muss und wie es auch aussehen kann. Auch vor dem Hintergrund eines solchen entsetzlichen Geschehens.“ Frau John habe die Familie in den letzten zwei Jahren gut kennen gelernt und betonte, wie stark die Familie Yozgat sei. Kassel brauche die Familie Yozgat. Aber auch die Familie Yozgat brauche Kassel. „Die Familie Yozgat braucht Sie alle. Und Deutschland braucht Kassel. Als ein Beispiel, wie Sie gemeinsam mit der Familie, mit Halit, umgehen.“
Ufuk Ekici betonte, wie der AKP-Abgeordnete Metin Külünk im letzten Jahr, dass die Kugel der Mörder nach hinten losgegangen sei. Er zeigte sich beeindruckt von der Solidarität, die die Kasseler Bevölkerung an diesem Tag gezeigt habe.
Kenan Kolat wurde in seiner Rede deutlich kritischer als seine Vorredner*innen, was mit vermehrtem Applaus beantwortet wurde. Eingangs betonte er in türkischen Worten, dass Halit in den Herzen der Anwesenden sei, dort weiterlebe und alle Anwesenden ihn nicht vergäßen. Kolat fragte danach, wie solche Feindlichkeiten entstünden, und ob wir nicht etwas verschlafen hätten. Schließlich folgerte er in deutlichen Worten: „Das Problem heißt Rassismus.“ So lange wir das nicht verstünden und aussprechen könnten, werde es keine Lösung geben. Kolat bezweifelte, dass von Seiten der Politik die richtigen Schritte unternommen würden. „Den richtigen Kampf gegen Rassismus aufzunehmen. Das ist leider noch nicht geschehen.“ Insbesondere auf das Bundesland Hessen bezogen beklagte er die Weigerung einen Untersuchungsausschuss einzusetzen, der die institutionellen Verantwortlichkeiten weiter klären könnte – die ja gerade in Hessen mit der Rolle des Verfassungsschutzbeamten Andreas T. große Fragen aufwerfen. Für Kolat sind die Konsequenzen aus der Mordserie längst nicht ausreichend gezogen. „Die Beamten, die damals in Amt und Würden waren, und mitverantwortlich waren, sind heute noch in ihren Ämtern. Der damalige Vizechef des Bundesverfassungsschutzes ist heute Koordinator der Sicherheitsdienste beim Bundeskanzleramt. Das kann wohl nicht wahr sein, dass so etwas passiert.“ Dieser Einwurf erntete deutlichen Applaus, ebenso wie die offene Unterstützung, die Kolat für die Forderung nach Straßenumbenennung bekundete. „Ja man hat diesen Platz Halitplatz genannt. Das ist richtig und anerkennungswürdig. Die Familie wollte, dass diese Straße umbenannt wird. Bitte springen Sie über Ihren Schatten und nennen Sie diese Straße Halitstraße. Die ganze Straße. Nicht nur einen Teil.“
Hakan Yılmaz als Vertreter der Initiative 6. April forderte in seiner Rede die Gewährung gleicher Rechte. „Jede Politik, die den Menschen, die seit mehr als 50 Jahren hier leben die demokratischen, sozialen und politischen Rechte verwehrt ist eine unmittelbare Förderung rassistischer und neonazistischer Umtriebe.“ Der Kampf gegen Rassismus und rassistische Morde sei ein Kampf, der jeden Tag geführt werden müsse. „Mit Sonntagsreden und jährlichen Gedenktagen ist das nicht zu bewerkstelligen.“ Er zeichnete damit ein deutliches Bild politischer Verhältnisse, die gar nicht so ohnmächtig sind, sondern ihre Möglichkeiten für eine antirassistische und demokratische Politik längst nicht erschöpft haben. Das Wahlrecht und die doppelte Staatsbürgerschaft nannte Yılmaz als konkrete Beispiele. Abschließend begrüßte er aus Köln angereiste Vertreter der Initiative Keupstraße ist überall, die gemeinsam mit den Betroffenen eine Auseinandersetzung rund um die beiden Bombenanschläge in Köln führen. Dort waren über 20 Personen schwer verletzt worden, und der NSU hatte sich zu der Tat bekannt.

Versöhnungsangebot von İsmail Yozgat

Den letzten Redebeitrag hielt der Vater von Halit, İsmail Yozgat. Er sprach zunächst auf Türkisch und der Beitrag wurde anschließend auf Deutsch vorgetragen. Er sprach den Anwesenden seine große Dankbarkeit aus, dass Sie ihn und seine Familie an diesem Tag nicht alleine ließen. Wie im Vorjahr betonte er seine besondere Dankbarkeit gegenüber der Stadtverwaltung, OB Bertram Hilgen und seinen Mitarbeiter*innen, aber auch der Kasseler Bevölkerung im Ganzen. Zentraler Punkt des Redebeitrages von İsmail Yozgat war die Forderung nach Umbenennung der Holländischen Straße. Man sei dankbar für den Platz, den die Stadtverwaltung umgewidmet habe und dafür, einen Ort zum Gedenken zu haben. Allerdings sei das nicht die Forderung der Familie gewesen. Der Platz sei ihnen gegeben worden. Die Familie hätte lediglich einen Wunsch: Dass die Holländische Straße zur Halitstraße wird. Hier sei Halit 1982 geboren worden, hier wurde er 2006 ermordet und starb in seinen Armen. In diesem Zusammenhang war es İsmail Yozgat sehr wichtig zu betonen, dass seine Familie niemals irgendwelche Entschädigungszahlungen angenommen habe. Vielmehr zeigte er sich tief betroffen über die „unverschämte und erniedrigende Art und Weise“, in der die Verteidigung der Beklagten vor dem OLG in München diese Hilfezahlungen thematisiert habe. Er zitierte die aufrechnende Logik der Verteidigung – was die Familien denn noch wollten, angesichts des ganzen Geldes, das sie schon bekommen hätten. Die Familie Yozgat habe kein Geld genommen, einzige Forderung sei die Umbenennung der Straße. Bemerkenswert ist die Haltung, die İsmail Yozgat zum Abschluss zeigte. Er sagte, dass er bei der Umbenennung der Straße die Familien von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zur Eröffnungsfeier einladen werde, man gemeinsam weiße Tauben fliegen lasse und er ihnen die Hand zur Freundschaft reiche.

Nach İsmail Yozgat traten vier Prediger aus Kasseler Moscheen nach vorne. Sie bildeten einen liturgischen Abschluss nach muslimischem Ritus mit Gebet und Gesang. Es schallte weit über die gemischte Gruppe, die sich auf dem Halitplatz versammelt hatte.

Es war eine beeindruckende Gedenkfeier, mit der die Kasseler Bevölkerung und angereiste Gäste der Familie Yozgat Solidarität demonstriert haben. Dieses Jahr als noch deutlicheres Zeichen in Anzahl der Teilnehmer*innen, aber auch im Inhalt der Redebeiträge. Dieses sollte nicht zu schnell im Schatten des feigen Anschlages auf den Gedenkstein stehen. Gleichzeitig ist zu fragen, was Verbindungen der Tat zu einem gesellschaftlichen Klima sein können, dem diese Gedenkfeier ein Dorn im Auge ist und dessen Geisteskinder nichts sehnlicher wünschen als einen Schlussstrich.

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